Das Problem mit der artgerechten Tierhaltung

Viele Veganer entscheiden sich aus moralischen Gründen, auf Fleisch und tierische Produkte in ihrem Alltag zu verzichten. Sie lehnen es ab, dass Tiere für ihre Lebensweise durch schlechte Haltung leiden oder sogar durch Schlachtung sterben müssen.

Rotbraunes und braunes Huhn auf einer Wiese.

Dabei müssen sie sich immer wieder einer Frage von Nicht-Veganern stellen: Wieso greifen Veganer nicht einfach auf Produkte aus artgerechter Tierhaltung zurück? Was so einfach klingt, beruht nach Ansicht von Veganern auf einem Trugschluss. Sie sind der Meinung: Eine artgerechte Tierhaltung in Gefangenschaft gibt es nicht, denn artgerecht ist nur die Freiheit.

Was stellen Verbraucher sich unter artgerechter Tierhaltung vor?

Reportagen in den Medien über Massentierhaltung und leidvolle Transporte von Schlachttieren haben Verbraucher hellhöriger und vorsichtiger werden lassen. Viele greifen nun mit Bedacht in die Supermarktregale und achten auf die Kennzeichnung für eine artgerechte Haltung. Wenn möglich, kaufen sie ihre tierischen Produkte am liebsten beim Bauern vor Ort.

Gerade Letzteres ist aber nur einem sehr geringen Prozentsatz von Verbrauchern möglich. Die anderen sind auf Gütesiegel und Versprechungen seitens der Landwirte und dem Vertrieb angewiesen. Steht zum Beispiel auf einer Milchtüte „aus artgerechter Haltung“, stellen wir uns eine grasende Kuh auf der Weide vor, die nur abends in den Stall geholt und vom Bauern gemolken wird. Diese nahezu romantische Vorstellung von Tierhaltung entspricht dabei aber nur in den allerseltensten Fällen den Tatsachen. Meistens wird sie nur noch auf Bauernhöfen praktiziert, welche die Vermietung von Ferienzimmern und Hofführungen von Touristen als Haupteinnahmequelle haben.

Von der Viehwirtschaft alleine kann ein Landwirt – auch in Biobetrieben – nur dann leben, wenn er mehrere 100 oder 1.000 Kühe hat. Mit einem idyllischen Landleben hat das wenig gemeinsam. Es liegt auf der Hand, dass für eine derartige Menge an Tieren eine riesige Weidefläche nötig wäre. Da aber alleine 61 % aller landwirtschaftlich genutzten Flächen (ohne Weideflächen) auf die Futterproduktion fallen, ist das Angebot an Freilauffläche für Nutztiere knapp bemessen.
Hinzu kommt, dass der sehr hohe Fleischbedarf in unseren Breiten durch einen „Bauernhof wie aus dem Bilderbuch“ gar nicht bedient werden kann. Und die günstigen Fleischkosten, die sich Verbraucher wünschen, könnten so ebenfalls nicht beibehalten werden.

Was ist artgerecht?

Aus Sicht der meisten Veganer ist nur die Freiheit artgerecht. Alles andere kann im besten Fall nur „artgemäß“ sein, also den Bedürfnissen einer Tierart gerade noch entsprechend. Dennoch ist nach Ansicht von Veganern keine Tierhaltung so erfüllend wie ein artgerechtes Leben.

Der Gesetzgeber geht mit dem Begriff „artgerecht“ anders um und nutzt ihn auch in Zusammenhang mit der Haltung von Nutztieren. In Deutschland, Österreich und der Schweiz liegt jeglicher Tierhaltung das Tierschutzgesetz zugrunde. Dieses muss in jedem Fall eingehalten werden. Demnach ist „artgerecht“, was den gesetzlichen Bestimmungen und Regelungen des jeweiligen Landes entspricht. Im Umkehrschluss heißt das: Tierprodukte aus Deutschland können nicht artgerecht sein. Hier bedeutet ein „aus artgerechter Tierhaltung“ also lediglich, „der Landwirt hat sich an die gesetzlichen Bestimmungen gehalten.“ Etwas, das natürlich selbstverständlich ist und „artgerecht“ scheinbar zu einer leeren Worthülse werden lässt.

Das Problem artgerechter Tierhaltung am Beispiel der Legehennen

Das Problem der artgerechten Tierhaltung. Eier-Kennzeichnung: aus welcher Haltung stammen diese?
Die auf Eiern gedruckten Zahlen geben Aufschluss über ihre Herkunft.

Die teilweise verheerenden Zustände in landwirtschaftlichen Massenbetrieben kamen vor allem am Beispiel der sogenannten Legehennen-Batterien an die Öffentlichkeit. Die erschreckenden Bilder sensibilisierten Verbraucher erstmals für dieses schwierige Thema.

Auf Druck von Tierschützern und der Öffentlichkeit wurde die Haltung von Legehennen in Legehennen-Batterien schließlich ab dem 1. Januar 2012 europaweit verboten. Deutschland hatte Legehennen-Batterien bereits zwei Jahre vorher abgeschafft. Die Legehennen-Batterie wich damit den Haltungsformen der ausgestalteten Käfighaltung (auch Kleingruppen-Volieren), der Boden- sowie der Freilandhaltung.

Um als Verbraucher zu erkennen, aus welcher Haltung die Eier kommen, gibt es einen Aufdruck auf der Schale. Dabei ist die erste Ziffer relevant:

0 = Ökologische Erzeugung
1 = Freilandhaltung
2 = Bodenhaltung
3 = Käfighaltung beziehungsweise Kleingruppen-Voliere

Doch was genau bedeuten die nun noch erlaubten Haltungsformen für Hühner? Die folgende Liste vergleicht die unterschiedlichen Haltungsformen stichprobenartig.

Kleingruppen-Volieren bzw. ausgestattete Käfighaltung
Bei den Kleingruppen-Volieren muss dem Huhn eine Mindestfläche von 800 Quadratzentimeter zur Verfügung stehen. Mindestens 600 Quadratzentimeter müssen dabei nutzbare Fläche sein. Zum Vergleich: Ein DIN A4-Blatt hat aufgerundet etwa 624 Quadratzentimeter Fläche. In dem ausgestalteten Käfig müssen sich ein Nest zur Eiablage, eine Sitzstange von etwa 15 cm Länge je Henne sowie Einstreu befinden. Kleingruppen-Volieren gelten gemeinhin als die Nachfolgehaltung der Legehennen-Batterien. Tatsächlich haben sich hier die Haltungsbedingungen auch nur unwesentlich für die Tiere verbessert. Gerade einmal etwas mehr als die Fläche von vier EC-Karten stehen den Hühnern nun zusätzlich zur Verfügung.
Bodenhaltung
In der Bodenhaltung werden die Hühner in großen Hallen gehalten, wobei nur etwa 1/3 des Hallenbodens mit Einstreu versehen ist. Auch in Bodenhaltung müssen die Tiere große Enge ertragen. Erlaubt sind hier neun Hennen pro Quadratmeter. Was zunächst viel klingt, scheitert an der Aufteilung des Platzes. Vor allem Nistplätze sind Mangelware und so müssen sich manchmal bis zu 100 Hennen einen Quadratmeter Nistfläche teilen.
Freilandhaltung
Für Verbraucher gilt die Freilandhaltung als die artgerechteste. Doch auch diese hat wenig mit der Vorstellung von glücklichen Hühnern auf dem Bauernhof gemein. Zwar haben die Tiere in dieser Haltungsform Auslauf in einem Freigehege, dieses kann jedoch vom Halter stark zeitlich und räumlich beschränkt werden. Häufigster Vorwand hierfür: Die Tiere könnten erkranken. Stehen zudem nicht ausreichend Versteckmöglichkeiten für die Hühner zur Verfügung, nutzen diese den Freilauf nicht aus eigenem Antrieb. Die Fläche pro Huhn beträgt bei dieser Haltung vier Quadratmeter.
Ökologische Erzeugung
Bei dieser Form dürfen pro Stall nicht mehr als 3.000 Hennen gehalten werden, pro Quadratmeter sind maximal sechs Hennen erlaubt. Auch ist ein Auslauf im Freien vorgeschrieben, der auf mindestens vier Quadratmeter Fläche je Henne festlegt ist. Zudem sollte auf eine ökologische, möglichst betriebseigene Futterversorgung zurückgegriffen werden.

Diese Übersicht am Beispiel Huhn macht schnell deutlich, wie wenig sich die gesetzlich vorgeschriebene artgerechte Tierhaltung mit der Vorstellung vieler Verbraucher deckt. Eine Änderung dieser intensiven Haltungsformen, könnte beispielsweise durch einen deutlich reduzierteren Konsum von Fleisch, Milch und Co. geschehen.



1 http://biovegan.org/infopool/
Zusätzlich genutzte Quelle vor allem: http://albert-schweitzer-stiftung.de/massentierhaltung/legehennen